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| Sambucus | ||
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06.06.2007 23:28
Eines zu sein mit Allem, das ist Leben der Gottheit, das ist der
Himmel des Menschen. ... O ein Gott ist der Mensch, wenn er träumt, ein Bettler, wenn er nachdenkt, und wenn die Begeisterung hin ist, steht er da, wie ein mißratener Sohn, den der Vater aus dem Hause stieß, und betrachtet die ärmlichen Pfennige, die ihm das Mitleid auf den Weg gab. ... Da ich noch ein stilles Kind war und von dem allem, was uns umgibt, nichts wußte, war ich da nicht mehr, als jetzt, nach all den Mühen des Herzens und all dem Sinnen und Ringen? ...
Wie unvermögend ist doch der gutwilligste Fleiß der
Menschen gegen die Allmacht der ungeteilten Begeisterung. Sie weilt nicht auf der Oberfläche, faßt nicht da und
dort uns an, braucht keiner Zeit und keines Mittels; Gebot und
Zwang und Überredung braucht sie nicht; auf allen Seiten,
in allen Tiefen und Höhen ergreift sie im Augenblick uns,
und wandelt, ehe sie da ist für uns, ehe wir fragen, wie
uns geschiehet, durch und durch in ihre Schönheit, ihre Seligkeit
uns um. Es gibt ein Vergessen alles Daseins, ein Verstummen unsers
Wesens, wo uns ist, als hätten wir alles gefunden.
Es gibt ein Verstummen, ein Vergessen alles Daseins, wo uns ist,
als hätten wir alles verloren, eine Nacht unsrer Seele, wo
kein Schimmer eines Sterns, wo nicht einmal ein faules Holz uns
leuchtet. Ich sah nun still und einsam vor mich hin, und schweift in die
Vergangenheit und in die Zukunft mit dem Auge nicht. Nun drängte
Fernes und Nahes sich in meinem Sinne nicht mehr; die Menschen,
wenn sie mich nicht zwangen, sie zu sehen, sah ich nicht. ... Es kann nichts wachsen und nichts so tief vergehen, wie der Mensch. Mit der Nacht des Abgrunds vergleicht er oft sein Leiden und mit dem Aether seine Seligkeit, und wie wenig ist dadurch gesagt?
Aber schöner ist nichts, als wenn es so nach langem Tode
wieder in ihm dämmert, und der Schmerz, wie ein Bruder, der
fernher dämmernden Freude entgegengeht. Wer sehnt sich nicht nach
Freuden der Liebe und großen Taten, wenn im Auge des Himmels
und im Busen der Erde der Frühling wiederkehrt? Schönere Träume umfingen mich jetzt im Schlafe, und
wenn ich erwachte, waren sie mir im Herzen, wie die Spur eines
Kusses auf der Wange der Geliebten. O das Morgenlicht und ich,
wir gingen nun uns entgegen, wie versöhnte Freunde, wenn
sie noch etwas fremde tun, und doch den nahen unendlichen Augenblick
des Umarmens schon in der Seele tragen. Ich sahe die Menschen wieder an, als sollt auch ich wirken und
mich freuen unter ihnen. Ich schloß mich wirklich herzlich
überall an. Wir bedauern die Toten, als fühlten sie den Tod, und die
Toten haben doch Frieden. Aber das, das ist der Schmerz, dem keiner
gleichkömmt, das ist unaufhörliches Gefühl der gänzlichen
Zernichtung, wenn unser Leben seine Bedeutung so verliert, wenn
so das Herz sich sagt, du mußt hinunter und nichts bleibt
übrig von dir; keine Blume hast du gepflanzt, keine Hütte
gebaut, nur daß du sagen könntest: ich lasse eine Spur
zurück auf Erden. Ach! und die Seele kann immer so voll Sehnens
sein, bei dem, daß sie so mutlos ist! Oder schau ich aufs Meer hinaus und überdenke mein Leben,
sein Steigen und Sinken, seine Seligkeit und seine Trauer und
meine Vergangenheit lautet mir oft, wie ein Saitenspiel, wo der
Meister alle Töne durchläuft, und Streit und Einklang
mit verborgener Ordnung untereinanderwirft. Der Boden ist grüner geworden, offner das Feld. Unendlich
steht, mit der freudigen Kornblume gemischt, der goldene Weizen
da, und licht und heiter steigen tausend hoffnungsvolle Gipfel
aus der Tiefe des Hains. Zart und groß durchirret den Raum
jede Linie der Fernen; wie Stufen gehn die Berge bis zur Sonne
unaufhörlich hinter einander hinauf. Der ganze Himmel ist
rein. Das weiße Licht ist nur über den Aether gehaucht,
und, wie ein silbern Wölkchen, wallt der schüchterne
Mond am hellen Tage vorüber. Ich habe lange gewartet auf solche Festzeit, um dir einmal wieder
zu schreiben. Nun bin ich stark genug; nun laß mich dir
erzählen. Ich war voll unbeschreiblichen Sehnens und Friedens. Eine fremde Macht beherrschte mich. Freundlicher Geist, sagt ich bei mir selber, wohin rufest du mich? nach Elysium oder wohin? Ich ging in einem Walde, am rieselnden Wasser hinauf, wo es über Felsen heruntertröpfelte, wo es harmlos über die Kieseln glitt, und mählich verengte sich und ward zum Bogengange das Tal, und einsam spielte das Mittagslicht im schweigenden Dunkel - Hier - ich möchte sprechen können, mein Bellarmin! möchte gerne mit Ruhe dir schreiben!
Sprechen? o ich bin ein Laie in der Freude, ich will sprechen! Friede der Schönheit! göttlicher Friede! wer einmal
an dir das tobende Leben und den zweifelnden Geist besänftigt,
wie kann dem anderes helfen? Weint nicht, wenn das Trefflichste verblüht! bald wird es sich verjüngen! Trauert nicht, wenn eures Herzens Melodie verstummt! bald findet eine Hand sich wieder, es zu stimmen! Wie war denn ich? war ich nicht wie ein zerrissen Saitenspiel? Ein wenig tönt ich noch, aber es waren Todestöne. Ich hatte mir ein düster Schwanenlied gesungen! Einen Sterbekranz hätt ich gern mir gewunden, aber ich hatte nur Winterblumen. Und wo war sie denn nun, die Totenstille, die Nacht und Öde meines Lebens? die ganze dürftige Sterblichkeit? Freilich ist das Leben arm und einsam. Wir wohnen hier unten, wie der Diamant im Schacht. Wir fragen umsonst, wie wir herabgekommen, um wieder den Weg hinauf zu finden.
Wir sind, wie Feuer, das im dürren Aste oder im Kiesel schläft;
und ringen und suchen in jedem Moment das Ende der engen Gefangenschaft.
Aber sie kommen, sie wägen Aeonen des Kampfes auf, die Augenblicke
der Befreiung, wo das Göttliche den Kerker sprengt, wo die
Flamme vom Holze sich löst und siegend emporwallt über
der Asche, ha! wo uns ist, als kehrte der entfesselte Geist, vergessen
der Leiden, der Knechtsgestalt, im Triumphe zurück in die
Hallen der Sonne. Ich frage nicht mehr, wo es sei; es war in der Welt, es kann wiederkehren in ihr, es ist jetzt nur verborgner in ihr. Ich frage nicht mehr, was es sei; ich hab es gesehn, ich hab es kennen gelernt. O ihr, die ihr das Höchste und Beste sucht, in der Tiefe des Wissens, im Getümmel des Handelns, im Dunkel der Vergangenheit, im Labyrinthe der Zukunft, in den Gräbern oder über den Sternen! wißt ihr seinen Namen? den Namen des, das Eins ist und Alles? Sein Name ist Schönheit. ... Laß uns vergessen, daß es eine Zeit gibt und zähle die Lebenstage nicht!
Was sind Jahrhunderte gegen den Augenblick, wo zwei Wesen so sich
ahnen und nahn? Ach! es war alles geheiliget, verschönert durch ihre Gegenwart. Wohin ich sah, was ich berührte, ihr Fußteppich, ihr Polster, ihr Tischchen, alles war in geheimem Bunde mit ihr. Und da sie zum ersten Male mit Namen mich rief, da sie selbst so nahe mir kam, daß ihr unschuldiger Othem mein lauschend Wesen berührte! - Wir sprachen sehr wenig zusammen. Man schämt sich seiner Sprache. Zum Tone möchte man werden und sich vereinen in Einen Himmelsgesang. Wovon auch sollten wir sprechen? Wir sahn nur uns. Von uns zu sprechen, scheuten wir uns.
Vom Leben der Erde sprachen wir endlich. So feurig und kindlich ist ihr noch keine Hymne gesungen worden. O unter den Armen hätt ich sie fassen mögen, wie der
Adler seinen Ganymed, und hinfliegen mit ihr über das Meer
und seine Inseln. Was ist alles, was in Jahrtausenden die Menschen taten und dachten,
gegen Einen Augenblick der Liebe? Es ist aber auch das Gelungenste,
Göttlichschönste in der Natur! dahin führen alle
Stufen auf der Schwelle des Lebens. Daher kommen wir, dahin gehn
wir. Es kam nicht Lust und nicht Bewunderung, es kam der Friede des Himmels unter uns.
Tausendmal hab ich es ihr und mir gesagt: das Schönste ist
auch das Heiligste. Und so war alles an ihr. Wie ihr Gesang, so
auch ihr Leben. Man hörte selten ein ›wie schön!‹ aus ihrem Munde, wenn schon das fromme Herz kein lispelnd Blatt, kein Rieseln einer Quelle unbehorcht ließ. Diesmal sprach sie es denn doch mir aus - wie schön!
Es ist wohl uns zuliebe so! sagt ich, ungefähr, wie Kinder etwas
sagen, weder im Scherze noch im Ernste. Du hast recht, rief ich ihr zu; die ewige Schönheit, die
Natur leidet keinen Verlust in sich, so wie sie keinen Zusatz
leidet. Ihr Schmuck ist morgen anders, als er heute war; aber
unser Bestes, uns, uns kann sie nicht entbehren und dich am wenigsten.
Wir glauben, daß wir ewig sind, denn unsere Seele fühlt
die Schönheit der Natur. Sie ist ein Stückwerk, ist
die Göttliche, die Vollendete nicht, wenn jemals du in ihr
vermißt wirst. Sie verdient dein Herz nicht, wenn sie erröten
muß vor deinen Hoffnungen. Ich hatt ihr nichts zu geben, als ein Gemüt voll wilder Widersprüche,
voll blutender Erinnerungen, nichts hatt ich ihr zu geben, als
meine grenzenlose Liebe mit ihren tausend Sorgen, ihren tausend
tobenden Hoffnungen; sie aber stand vor mir in wandelloser Schönheit,
mühelos, in lächelnder Vollendung da, und alles Sehnen,
alles Träumen der Sterblichkeit, ach! alles, was in goldnen
Morgenstunden von höhern Regionen der Genius weissagt, es
war alles in dieser Einen stillen Seele erfüllt. O ich wär ein glücklicher, ein trefflicher Mensch geworden mit ihr! Mit ihr! aber das ist mißlungen, und nun irr ich herum in dem, was vor und in mir ist, und drüber hinaus, und weiß nicht, was ich machen soll aus mir und andern Dingen. Meine Seele ist, wie ein Fisch aus ihrem Elemente auf den Ufersand geworfen, und windet sich und wirft sich umher, bis sie vertrocknet in der Hitze des Tags. ... Es ist unglaublich, daß der Mensch sich vor dem Schönsten
fürchten soll; aber es istso. Ich kannte, seit dem letzten Seelengespräche, mit jedem Tage
mich weniger. Ich fühlt, es war ein heilig Geheimnis zwischen
mir und Diotima. ... O es ist ein seltsames Gemische von Seligkeit und Schwermut, wenn es so sich offenbart, daß wir auf immer heraus sind aus dem gewöhnlichen Dasein. ... Und, wie die Vergangenheit, öffnete sich die Pforte der Zukunft in mir. Da flogen wir, Diotima und ich, da wanderten wir, wie Schwalben, von einem Frühling der Welt zum andern, durch der Sonne weites Gebiet und drüber hinaus, zu den andern Inseln des Himmels, an des Sirius goldne Küsten, in die Geistertale des Arcturs -
O es ist doch wohl wünschenswert, so aus Einem Kelche mit
der Geliebten die Wonne der Welt zu trinken! ... Es ist hier eine Lücke in meinem Dasein. Ich starb, und wie
ich erwachte, lag ich am Herzen des himmlischen Mädchens. Engel des Himmels! rief ich, wer kann dich fassen? wer kann sagen,
er habe ganz dich begriffen? ... Das alles war mir, wie ein Traum. Konnt ich glauben an dies Wunder der Liebe? konnt ich? mich hätte die Freude getötet. ... Sie machte sich los. Mein ganzes Wesen flammt' in mir auf, wie sie so vor mir hinwegschwand in ihrer glühenden Schönheit.
O du! - rief ich und stürzt ihr nach, und gab meine Seele
in ihre Hand in unendlichen Küssen. Ja! eine Sonne ist der Mensch, allsehend, allverklärend,
wenn er liebt, und liebt er nicht, so ist er eine dunkle Wohnung,
wo ein rauchend Lämpchen brennt.
Ich sollte schweigen, sollte vergessen und schweigen. Aber die reizende Flamme versucht mich, bis ich mich ganz in sie stürze, und, wie die Fliege, vergehe. Mitten in all dem seligen unverhaltnen Geben und Nehmen fühlt ich einmal, daß Diotima stiller wurde und immer stiller. Ich fragt und flehte; aber das schien nur mehr sie zu entfernen, endlich flehte sie, ich möchte nicht mehr fragen, möchte gehn, und wenn ich wiederkäme, von etwas anderm sprechen. Das gab auch mir ein schmerzliches Verstummen, worein ich selbst mich nicht zu finden wußte.
Mir war, als hätt ein unbegreiflich plötzlich Schicksal
unsrer Liebe den Tod geschworen, und alles Leben war hin, außer
mir und allem. Ich seh, ich sehe, wie das enden muß. Das Steuer ist in
die Woge gefallen und das Schiff wird, wie an den Füßen
ein Kind, ergriffen und an die Felsen geschleudert. Das erste Kind der göttlichen Schönheit ist die Kunst. So war es bei den Athenern.
Der Schönheit zweite Tochter ist Religion. Religion ist Liebe
der Schönheit. Der Weise liebt sie selbst, die Unendliche,
die Allumfassende; das Volk liebt ihre Kinder, die Götter,
die in mannigfaltigen Gestalten ihm erscheinen. Leuchtet aber das göttliche εν διαφερον
εαυτω, das Ideal der Schönheit der strebenden Vernunft, so
fodert sie nicht blind, und weiß, warum, wozu sie fodert.
Scheint, wie der Maitag in des Künstlers Werkstatt, dem Verstande
die Sonne des Schönen zu seinem Geschäfte, so schwärmt
er zwar nicht hinaus und läßt sein Notwerk stehn, doch
denkt er gerne des Festtags, wo er wandeln wird im verjüngenden
Frühlingslichte. Du frägst nach Menschen, Natur? Du klagst, wie ein Saitenspiel,
worauf des Zufalls Bruder, der Wind, nur spielt, weil der Künstler,
der es ordnete, gestorben ist? Sie werden kommen, deine Menschen,
Natur! Ein verjüngtes Volk wird dich auch wieder verjüngen,
und du wirst werden, wie seine Braut und der alte Bund der Geister
wird sich erneuen mit dir.
Es wird nur Eine Schönheit sein; und Menschheit und Natur
wird sich vereinen in Eine allumfassende Gottheit. Daran, rief ich, erkenn ich sie, die Seele der Natur, an diesem
stillen Feuer, an diesem Zögern in ihrer mächtigen Eile. ... Ein Gott muß in mir sein, denn ich fühl auch unsere Trennung kaum. Wie die seligen Schatten am Lethe, lebt jetzt meine Seele mit deiner in himmlischer Freiheit und das Schicksal waltet über unsre Liebe nicht mehr. ... Nun laß mich schweigen. Mehr zu sagen, wäre zu viel. Wir werden wohl uns wieder begegnen. ... (Friedrich Hölderlin, aus dem 'Hyperion')
6 kommentare 0 trackbacks
kommentar von: Plaudersalon am 04.04.2008 18:56
natürliches seelenleben, vortefflich dargestellt.
kommentar von: carmy65 am 12.09.2007 11:29
ist zwar traurig,aber wunderschön gefühlvoll!lieben gruss!
kommentar von: Lebensbaum016 am 12.09.2007 10:37
An nichts erkennt man besser die Gemütsart eines Menschen als an seiner Seele denn die Seele ist der Geburtsort unserer Gedanken und Taten. haste sehr schön geschrieben. kissall dafür. Thomas.
kommentar von: OrsaJurka am 20.06.2007 22:17
hi dark, das ist literatur *fg*
kommentar von: darkshakka am 20.06.2007 19:36
ja siehst du liebe orsa geht doch und war das so schwer*zwinker
kommentar von: LoneWolf1 am 18.06.2007 09:54
ganz nett der beitrag :-)
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